Der Renaissance Garten – Wiedergeburt und Aufbruch in Grün

In der Geschichte der Gartenkunst nimmt der italienische Renaissance Garten eine Schlüsselrolle ein. Er verbindet nicht nur die Gärten der Antike mit den Gärten der Neuzeit. Vielmehr haben die Landschaftsarchitekten der Renaissance der Gartenkunst einen Platz neben den bildenden Künsten und der Architektur erkämpft. In diesem Beitrag zeige ich, was den Renaissance Garten ausmacht und wo man noch heute tolle Gärten aus der Renaissance besichtigen kann. Schließlich erfahrt ihr auch, was wir noch heute von den Renaissance Gärten für die Gartenkunst des 21. Jahrhunderts übernehmen können. 

Renaissance Garten

Blick in die Boboli Gärten in Florenz (Foto: Clearlens @ Shutterstock.com)

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Die Renaissance – Wiedergeburt und Aufbruch, auch im Garten

Renaissance, das bedeutet in der Übersetzung aus dem französischen Wiedergeburt. Aus dieser so wichtigen Epoche der Menschheitsgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert stammen nicht nur die wichtigsten Skulpturen, Gemälde und Gebäude sondern auch viele der schönsten Gärten. Vor allem die Medici in Florenz haben während der Renaissance nicht nur einen Aufbruch in Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft gefördert, sondern das neue Bild von der Welt auch in Gartenkunstwerken von Weltrang manifestiert. 

Die Renaissance, Florenz und die Medici

Die Geschichte der Renaissance als „Scharnier“ zwischen Mittelalter und Neuzeit ist vor allem mit dem Reichtum der oberitalienischen Städte und der dort dominierenden Familien verbunden. Diese waren vor allem durch Bankgeschäfte unermesslich reich geworden und nutzten ihr Vermögen zum sozialen Aufstieg und zur Befreiung von zu eng gewordenen Denkmustern. Errungenschaften in der Seefahrt, aufkommende Wissenschaften und vor allem die Künste weiteten damals den Blick auf eine größer werdende Welt. Die engen, begrenzten Blickwinkel des Mittelalters mussten einer neuen und selbstbewussten Perspektive auf die Welt weichen, die auch das antike Erbe der Römer und Griechen einschloss. Dieser neue Blick auf die Welt manifestierte sich in fantastischen Gemälden wie etwa von Leonardo da Vinci, Michelangelo oder Botticelli. Aber natürlich nutzen die Medici und andere Familien ihr Vermögen auch zur Errichtung prachtvoller Paläste. Und zum ersten Mal nach dem Ende des antiken Roms wurden Gärten als eigenständiges Element in die Gestaltung einbezogen. 

Renaissance Garten

Der Agrumengarten der Medici-Villa Petraia in Castello (Foto: Sansa55 @ Shutterstock.com)

Der Renaissance Garten – Geschichte und Merkmale

Der Renaissance Garten setzte fort, was in Architektur und Kunst begonnen wurde. Wesentlich war der Bezug auf antike Vorbilder, die die Gartenarchitekten entweder in noch vorhandenen Überresten und Ruinen oder in antiken Schriften fanden.

Wiedergeburt antiker Gartenanlagen

So waren etwa Briefe von Plinius dem Jüngeren Quelle für gestalterische Ideen, die aus den Anlagen römischer Villen übernommen wurden. Wie die reichen Familien Roms begannen die reichen Florentiner Kaufmanns Familien an den Ränder der Städte, vor allem in Florenz, prachtvolle Villen und Gartenanlagen zu errichten. Auch Skulpturenschmuck, der in den Gärten eine wichtige Rolle spielte, wurde mit antiken Originalen oder neuen Skulpturen im antiken Stil gestaltet. Aber die Renaissance wäre nicht ein Aufbruch gewesen, hätte man nicht die Gartenkunst der Römer übertroffen. Die Vielzahl der Gestaltungselemente, der Einsatz von moderner Hydraulik, um Wasserspiele und Fontänen sprudeln zu lassen und die selbstbewusste Übernahme von Stilmitteln verschiedener Kulturen machten die Gartenkunst der Renaissance zu einem echten Fortschritt. 

Renaissance Garten

Vorbild für viele Gartenanlagen in Europa – der berühmte Neptunbrunnen der Villa d’Este in Tivoli (Foto: Catarina Belova @ Shutterstock.com)

Ausgangspunkt – der Garten des Mittelalters

Um die Entwicklung zum Renaissance Garten zu verstehen, muss man sich als Vorläufer die Gärten des Mittelalters vor Augen führen. Wenn es überhaupt Gärten -anstelle von Feldern- gab, waren diese in erster Linie Nutzgärten von Klöstern und Adelshäusern. Gleichzeitig waren die mittlelalterlichen Gärten in der Stadt Teil einer wehrhaften Architektur. Diese umgab Anwesen mit hohen Mauern und führte zu engen, begrenzten und eher dunklen Anlagen. 

Die Renaissance nun überwand die engen Grenzen des Mittelalters. Reichtum ermöglichte, dekorative Ziergärten zu errichten. Weniger kriegerische Phasen ließen die Mauern kleiner werden oder verschwinden. Die Städte konnten sich öffnen und über ursprüngliche Stadtmauern hinaus in Richtung der umgebenden Natur wachsen. Diese wurde aufgenommen aber in der idealisierten Form der Renaissance im Garten gebändigt. 

Zentralperspektive und Geometrie

Eine wesentliche Leistung der Renaissancekunst war die Wiederentdeckung der Perspektive und deren Umsetzung in der Gestaltung von Gemälden, Gebäuden und Gärten. So war der Renaissance Garten streng geometrisch und häufig auch symmetrisch um eine Zentralachse angelegt. Damit war er die Fortsetzung der Architektur des Palastes und Teil eines Gesamtkunstwerkes, das von Universalkünstlern wie Leon Battista Alberti zu einer harmonischen aber sehr formal geprägten Einheit erschaffen wurden. 

Skulpturen und Wasserspiele

Mit zunehmendem Reichtum waren die Medici auch zu politischer Macht gekommen. Damit waren ihre Paläste nicht nur dekorative Zweckbauten sondern auch stets Mittel zur Demonstration dieser Macht. Natürlich spielten dabei die Größe und Weitläufigkeit der Anlagen eine Rolle. Aber noch expliziter lässt sich mit einem wohlausgewählten Skulpturenschmuck ausdrücken, das der Erbauer und Hausherr einer Palastanlage in unmittelbarer Nachfolge von Göttern und Helden steht. An diesen waren antike Skulpturensammlungen reich, so dass die Renaissancefürsten reichlich Material und auch Vorbilder für Neuschöpfungen fanden. Die Präsentation der Skulpturen in den Gärten wurde somit zum politischen Manifest. 

Renaissance Garten

Zypressen und Skulpturen im Giardino Giusti in Verona

Während der Skulpturenschmuck durch politische Bezüge über die reine Dekoration hinausgeht, waren Wasserspiele, Brunnen und Teiche eher Mittel, das Sinnenerlebnis im Renaissance Garten zu bereichern. Hier zeigten sich die Garten- und Landschaftsarchitekten der Renaissance zum Glück offen genug, auch maurische Elemente aufzunehmen. Noch heute können wir in maurischen Gärten in Andalusien die dominierende Rolle des Wassers in der maurischen Gartenkunst bestaunen. Springbrunnen, Wasserspiele und Teiche in künstlichen Grotten sollten im Renaissance Garten das Sinneserlebnis an heißen Sommertagen bereichern. Besonders berühmt sind die Wasserspiele in der Villa d’Este in Tivoli bei Rom. 

Die Bepflanzung der Renaissance Gärten

Die Bepflanzung der Gärten in der Renaissance scheint fast etwas Nebensächliches zu haben. Tatsächlich wäre es -bis auf eine Ausnahme- falsch, den Pflanzen eine herausragende Hauptrolle zuzuschreiben. Vielmehr wurde die Bepflanzung als Mittel eingesetzt, um die geometrische Harmonie der Gesamtanlage auszudrücken. Die Einbindung der Pflanzen in die menschlich perfektionierte Ordnung war zugleich auch Ausdruck der ökonomischen und politischen Potenz der Erbauer. Dieser konnte sich rühmen, auch die Natur zu unterwerfen und in sein Gesamtkunstwerk einzubinden. Es ist damit keine Überraschung, wenn im italienischen Renaissance Garten Pflanzen dominieren, die sich in Form schneiden lassen oder die ohnehin eine klare geometrische Kontur haben. Buchsbaum, Eiben und Zypressen lieferten das ideale Material zur Gestaltung von geometrischen angeordneten Hecken, Alleen, aber auch von Labyrinthen und Geheimgärten. Bei der Bepflanzung wurden auch die klimatischenVerhältnisse berücksichtigt. Trockene Sommer in der Toskana führten dazu, dass Rasenflächen und bepflanzte Rabatten eher selten waren. 

Zitruspflanzen im Renaissance Garten

Nun zu grünen Hauptdarstellern in den Gärten der Renaissance. Zitruspflanzen waren das grüne Statussymbol unter den Florentiner Familien und anderen Renaissance Potentaten. Auch bei dieser Facette der Gartenkunst der Renaissance spielte die Antike die entscheidende Rolle. Die Legende vom Helden Herkules lieferte Künstlern und Gartenarchitekten das Vorbild für Zitrusgärten und erste Orangerien. Herkules hatte im Rahmen der von ihm zu absolvierenden 12 Heldentaten auch die Aufgabe, die „Goldenen Äpfel der Hesperiden“ zu stehlen. Und als Abbild dieser goldenen Äpfel pflanzten die Renaissancegärtner Bitterorangen. Da die toskanischen Winter durchaus Frost bringen konnten, mussten die empfindlichen Zitruspflanzen in Terracotta Kübel gepflanzt werden, die im Winter in frostfreie Gewächshäuser gebracht werden konnten. So entstanden die ersten Orangerien, die bis in das Rokoko hinein europäische Garten- und Parkanlagen dominierten. 

Die schönsten Renaissance Gärten

Der italienische Renaissance Garten gehört noch heute zu den wunderbaren Vermächtnissen der Renaissance. Als deren Hauptort bietet Florenz die größte Dichte noch bestehender und zu besichtigender Gärten. Besonders hervorzuheben sind die zum Medici-Hauptsitz Palazzo Pitti gehörenden Boboligärten und die Gärten der Medici Villa Petraia in Castello. Als besonders prägend für die europäische Gartenkunst gilt die bereits erwähnte Villa d’Este in Tivoli. Ein nördlicheres Beispiel für einen italienischen Garten ist der Giardina Giusti in Verona. Eine großartige Übersicht über große italienische Gärten, darunter auch die berühmtesten Gärten der Renaissance, findet man auf der Seite Grandi Giardini Italiani

Garten Renaissance heute?

Der Renaissance Garten hat die europäische Gartenkunst wie keine andere Kunstform geprägt. Wichtige Elemente der Renaissancegärten wurden zunächst im französischen Barockgarten übernommen und ausgebaut, so dass diese Gartenform noch kunstvoller und prächtiger ist. Erst der englische Landschaftsgarten veränderte im 18. und 19. Jahrhundert die Gartenphilosophie, indem nicht mehr eine formale Ordnung das Bild von Gärten prägte sondern vielmehr eine idealisierte Natur, die nachgebildet wurde.

Das Vermächtnis des Renaissancegarten

Auch wenn der streng formale Renaissancegarten heute meistens nicht mehr dem Garten-Schönheitsideal entspricht, ist doch die Gartenkunst der Renaissance immer noch das Gestaltungsfundamtent unserer Gärten. Zunächst einmal ist es das Vermächtnis, sich überhaupt bewusst mit der Gestaltung von Gärten zu beschäftigen und dabei Architektur und Garten als Einheit zu verstehen. Auch der Einsatz von Geometrie und Perspektive im Garten ist eine Errungenschaft, die nicht zu unterschätzen ist – aber dennoch häufig vergessen wird.

Weiter haben uns die Renaissancearchitekten den Garten als (teil-)öffentlichen Raum vermittelt, der auch Ausdruck gesellschaftspolitischer Entwicklungen ist. In unserer demokratischen Gesellschaft besitzen wir Volksgärten und -parks, die zeigen, dass die Freude am Grün nicht mehr nur feudalen Herrschern und Renaissancepotentaten vorbehalten ist. Weiter zeigt uns der Renaissance Garten, wie ein Garten mit verschiedenen Elementen -Skulpturen, Pflanzen, Wasserspiele- zu einer vollkommenen Einheit entwickelt werden kann. Auch das ist ein Teil der Gartenkunst, die sich in den herrlichen italienischen Gärten der Renaissance noch heute bewundern lässt. Doch wo stehen wir heute mit unserer Gartenkunst? 

Wiedergeburt – wie wir unsere Gärten und die Natur befreien können

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts mag so mancher die Beschäftigung mit Renaissancegärten als verstaubte akademische Übung betrachten. Allerdings sollte man sich die Entwicklung unserer Gartenkunst genau ansehen. Unsere Gärten sind unter die Räder gekommen und das im Wortsinn. Weltweit werden immer mehr Flächen -auch oder gerade auf privaten Grundstücken- gepflastert und betoniert, um den Anforderungen von Mobilität und Urbanität Genüge zu leisten. Flächenversiegelung, Flächenverbrauch, Verlust an Grünflächen und damit Natur- und Artenverlust scheinen unaufhaltsame Prozesse, denen so mancher eine selbstzerstörerische Wirkung zuschreiben wird. 

In der Renaissance stand der Aufbruch des Menschen aus einengenden Dogmen im Mittelpunkt der Entwicklung von Kunst, Architektur und Gartenkunst. Die Herrschaft über die Natur, die Jahrtausende lang als feindlich und gefährlich gesehen wurde, gehörte zu diesem Programm. Heute -könnte man sagen- ist die Natur besiegt, sie dürfte schon bald die weiße Fahne der Kapitulation schwenken. Doch mit dieser Kapitulation hat der Mensch sich selbst besiegt, denn er ist Teil der Natur. Es ist also höchste Zeit für eine Versöhnung, die ein Ende der Zerstörung der Natur bedeuten muss.

Wir brauchen weniger Renaissancegärten als vielmehr eine Gartenrenaissance! Mehr Gärten, mehr Grün in unseren wachsenden Städten sind die einzige Chance, die wir haben, um den Klimawandel zu bewältigen und der Natur das zurückzugeben, was ihr seid der Renaissance genommen wurde. Deren Verdienst für die Gartenkunst soll hier zum Ende dieses Beitrags nicht geschmälert werden. Als die Renaissancegärten entstanden, waren natürliche Lebensräume noch reichlich vorhanden. Erst das 20. Jahrhundert, hat die Verhältnisse deutlich verschoben. Es ist Zeit, das zu ändern, beginnen wir die Gartenrenaissance. 

Fotos (sofern nicht anders angegeben) und Text: Dr. Dominik Große Holtforth

Quelle: Christiane Büld Campetti – Renaissance-Gärten – Kunstwerk aus Himmel, Erde und Wasser, BR 2 Radiowissen vom 18.08.17

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Über den Autor:
post@mein-mediterraner-garten.de

Dr. Dominik Große Holtforth ist Experte für mediterrane Pflanzen und Gärten. Wenn ihr eine persönliche Beratung zur Pflege oder zum Schneiden wünscht, könnt ihr hier eure Frage stellen, der gerne und kurzfristig weiterhilft. Auch in seinem wöchentlichen Newsletter berichtet Dr. Große Holtforth über die mediterrane Pflanzenpflege. Hier geht es zur Anmeldung, die natürlich kostenlos und unverbindlich ist.